Stolpersteinverlegung in der Gartenstraße
Tuttlingen, 22. November 2025 – Am Samstag sind in Tuttlingen sechs weitere Stolpersteine zum Gedenken an Opfer der NS-Diktatur verlegt worden. Rund 70 Menschen kamen in der Gartenstraße 34 zusammen, um an Clara Faude, Alfred Sichler, Paul Fränkel, Emil Rieger, Otto Huber und den Sozialdemokraten Ernst Julius Haug zu erinnern. Auch die SPD Tuttlingen war vertreten.
Zum Auftakt der Veranstaltung begrüßte Oberbürgermeister Michael Beck die Anwesenden und dankte dem Künstler Gunter Demnig, der die Stolpersteine auch in Tuttlingen persönlich verlegt. Beck betonte, wie wichtig gelebte Erinnerung ist, um Antisemitismus, Ausgrenzung und Hass in der Gegenwart keinen Raum zu lassen. Er würdigte zugleich das langjährige Engagement von Schülerinnen und Schülern des Otto-Hahn-Gymnasiums, die erneut Biografien der Opfer bei der Verlegung vorgetragen haben. Erarbeitet wurden die Biografien von Gunda Woll, der früheren Archivarin und Museumsleiterin in Tuttlingen.
Nach der ersten Verlegung für Clara Faude in der Gartenstraße führte der Weg zu weiteren historischen Orten in der Stadt. Den Abschluss bildete der Stolperstein für Ernst Julius Haug in der Bogenstraße, unweit der Psychologischen Beratungsstelle für Eltern, Jugendliche, Ehe- und Lebensfragen. Die Geschichte Haugs trug Günter Lipowsky vor, eine treibende Kraft des regionalgeschichtlichen Arbeitskreises, der sich seit Jahren für die Verlegung von Stolpersteinen in Tuttlingen einsetzt und hierzu Vorträge und VHS-Kurse anbietet.
Ernst Julius Haug war Redakteur der „Tuttlinger Volkszeitung“ und SPD-Gemeinderat. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten verlor er seine Arbeit, musste zeitweise untertauchen und lebte phasenweise erwerbslos. 1935 wurde er von der Gestapo verhaftet und ins KZ Welzheim gebracht, wo er Ende 1936 an den Folgen der Haftbedingungen starb.
„Die Geschichte von Ernst Haug zeigt, wie früh Demokratinnen und Demokraten ins Visier der Nationalsozialisten geraten sind“, sagt Mario Caraggiu, stellvertretender Kreisvorsitzender der SPD Tuttlingen. „Wer damals für Pressefreiheit, soziale Gerechtigkeit und demokratische Rechte eingestanden ist, hat sein Leben riskiert. Dass heute Stolpersteine an Menschen wie Haug und Rieger erinnern, ist Auftrag für uns, unsere Demokratie entschlossen gegen Rechtsextremismus zu verteidigen.“
Auch Emil Rieger, der 1907 in Tuttlingen geboren wurde, stand im Mittelpunkt der Gedenkveranstaltung. Der gelernte Chirurgiemechaniker engagierte sich früh politisch, trat der KPD bei und leistete Widerstand gegen das NS-Regime. Nach mehreren Verhaftungen und Aufenthalten im KZ Oberer Kuhberg und im KZ Dachau überlebte er die NS-Zeit, trug jedoch zeitlebens schwere Gesundheitsschäden davon. Nach 1945 engagierte er sich erneut kommunalpolitisch, leitete das Kulturzentrum „Luginsland“ und baute die Tuttlinger Volksbuchhandlung wieder auf, die seine Familie bis 2024 weiterführte.
Mit den neuen Steinen wird außerdem an vier Menschen erinnert, die im Rahmen der NS-„Euthanasie“-Verbrechen in der Tötungsanstalt Grafeneck ermordet wurden:
Clara Maria Faude, alleinerziehende Mutter, die als „geisteskrank“ galt,
Alfred Sichler, der als junger Mann psychisch erkrankte und in Heimen lebte,
Pal Fränkel, ein Kind mit Lernschwierigkeiten,
Otto Huber, ein ehemaliger Soldat mit Kriegstrauma.
Gemeinsam mit Gunter Demnig und der Tuttlinger Stolperstein-Initiative wurden die Steine an den letzten frei gewählten Wohnorten der Opfer in die Gehwege eingelassen. „Es ist uns ein großes Anliegen, dass die Opfer der NS-Diktatur nicht in Vergessenheit geraten und wir Lehren für die Gegenwart ziehen“, so Oberbürgermeister Beck gegenüber dem SWR.
Die SPD Tuttlingen dankt allen Engagierten in der Stolperstein-Initiative, dem Stadtmuseum, den Schulen und den vielen Ehrenamtlichen, die die Biografien recherchieren und die Gedenkveranstaltungen Jahr für Jahr vorbereiten. Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus ist keine einmalige Pflicht, sondern eine dauerhafte Aufgabe – gerade in Zeiten, in denen Antisemitismus und Rechtsextremismus wieder lauter werden.