SPD wirkt

Artikel zur Gründung des SPD-Ortsvereins Tuttlingen im "Gränz-Bote" (13.05.1890)

Veröffentlicht am 13.05.2015 in Ortsverein

Am Sonntag, den 11. Mai 1890 wurde im Brauereigasthaus "Waldhorn" der SPD-Ortsverein Tuttlingen gegründet. Zwei Tage später berichtete der "Gränz-Bote" über die "Arbeiterversammlung". Im Folgenden der Artikel im Wortlaut: 

Tuttlingen, 11. Mai. Im Waldhorn fand heute eine sehr stark besuchte Arbeiterversammlung statt, in welcher Herr Karl Kloß von Stuttgart in mehr als einstündiger gewandter Rede über Wert und Nutzen der Arbeiterorganisationen und die internationale Arbeitsschutzgesetzgebung sprach. Von der Thatsache ausgehend, daß der Zug der Zeit nach Organisationen sich in der ganzen zivilisierten Welt in allen Kreisen der Bevölkerung immer mehr geltend mache, daß namentlich in diesem Jahr die Sache der Arbeiterorganisationen, welche eine Verbesserung der Lage der Arbeiter erstrebe, ganz bedeutende Fortschritte gemacht, zeigt Redner, wie diese Thatsache bereits Früchte getragen und den internationalen Arbeiterschutz und die Regelung des Maximalarbeitertags in den Vordergrund gedrängt habe.

Er sucht sodann die Frage zu beantworten: sind die Verhältnisse der Arbeiter derart, daß sie der Ausbesserung dringend bedürfen, wobei Redner zugesteht, daß die Arbeitszeit gegenwärtig im allgemeinen kürzer, der Lohn in manchen Fällen höher sei als früher. Dies beweise aber deshalb nichts, weil die Lage der Arbeiter nicht gesondert beurteilt werden dürfe; es seien vielmehr die gesammten Verhältnisse der menschlichen Gesellschaft ins Auge zu fassen. Die Streiks, zu welchen die Arbeiter gedrängt werden, seien nicht das Werk einzelner Hetzer; diese würden bei einer befriedigenden Lage der Arbeiterverhältnisse kein Gehör finden, sondern der Arbeiter werde  dazu gedrängt, oft sehr langsam durch die Verschlimmerung seiner Lage. Von einer gesunden Gesellschaftsordnung müsse man verlangen, daß die Gesellschaft jedem Glied Arbeitsgelegenheit und ausreichenden Verdienst gewährleiste, während jedes Glied der Gesellschaft verpflichtet sei, seine Kraft in den Dienst der Gesellschaft zu stellen. Thatsächlich sei nun die Arbeitszeit zu lang, denn es gäbe, außer denjenigen, welche nicht arbeiten wollen, eine ganze Reservearmee solcher, welche keine Arbeitsgelegenheit finden. Die Gesellschaft ist nun verpflichtet, jedes Glied zu erhalten, auch die Kinder und Freise. Der Lohn des einzelnen Arbeiters, der die Gegenleistung der Gesellschaft an den Arbeiter repräsentiert, soll daher zur Erhaltung des Arbeiters selbst, seiner Frau, seiner Kinder und etwaiger nicht mehr arbeitsfähiger Angehöriger genügen. Dies trifft aber nicht zu, es ist sogar die Arbeit der Frau und der Kinder nötig, um die Familie durchzubringen und die Frauen- und Kinderarbeit macht der Mannsarbeit Konkurrenz und drückt die Lohnsätze herunter. Dazu komme, daß immer mehr Arbeiter durch Maschinenbetrieb erspart werden. Dadurch, daß der Lohn nicht in der Gesellschaft sondern vom Unternehmer bestimmt werde, der nicht Repräsentant der Gesellschaft, sondern des Kapitals sei, und der daher nicht die Interessen der Gesellschaft, sondern seine Kapitalinteressen im Auge  habe, seien die herrschenden Mißstände entstanden, wobei der eine weniger arbeitet als er soll, mehr konsumiert als er soll, wogegen der andere mehr arbeiten muß, als er sollte, und weniger zu konsumieren hat, als ihm gebührte. Wie die Reichsregierung bei der Schaffung der Sozialgesetze der Krankenunterstützung und Unfall- und Invaliden-Versicherung Organisationen geschaffen hat, so sollen die Arbeiter Organisationen gründen und zwar zweierlei Art, auf gewerblichen Gebiet Fachvereine, und auf politischem Gebiet Arbeiter-Vereine. Beide sollen die Arbeiter zu geschlossenen Massen verbinden, da sie vereinzelt nur wenig erreichen. Die Ortsvereine haben zu Verbänden und nationalen Organisationen, letztere zu internationalen Organisationen zusammenzutreten. Namentlich der Arbeiterschutz kann so, nur international geregelt werden, weil bei einseitiger Regelung die Industrie des betr. Gebiets auf dem Weltmarkt nicht konkurrenzfähig bliebe. Die Fachvereine sollten zumeist auf Herabsetzung der Arbeitszeit dringen; die Arbeitervereine sollen die Forderungen der Arbeiter auf politischem Gebiet, bei den Wahlen und in der Presse und schließlich in der Gesetzgebung zur Anerkennung bringen. Bei der fortschreitenden Entwicklung des Maschinenwesens hält Redner nicht einmal den8stündigen Maximalarbeitstag für nötig, um der Gesammtheit ein befriedigendes Leben zu schaffen, sondern hierzu würde wahrscheinlich ein 6stünd. Arbeitstag schon ausreichen. Zum Schutz empfiehlt Redner die Unterstützung der arbeiterfreundlichen Presse und namentlich des Schwäbischen Wochenblatts. Schließlich zirkulierte eine Liste zur Notierung der Beitrittserklärung zum Arbeiterverein. Der Redner wurde an zahlreichen Stellen seines Vortrags von lautem Beifall seiner Gesinnungsgenossen unterbrochen und am Schluß mit lebhaften Beifallsbezeugungen ausgezeichnet.